Moderne Popmusik aus Lateinamerika (Originalfassung)

Tango, Samba oder Salsa, Bossa Nova, Son oder Merengue prägen das Bild Lateinamerikas bei vielen europäischen und nord-amerikanischen Musikhörern bis heute. Selbstverständlich haben die lateinamerikanischen Länder neben Folklore und „heißen Rhythmen“ aber auch diverse Pop-, Rock- und Elektronik-Stile hervorgebracht und diese miteinander vermischt. Zahlreiche neue Genres und Subgenres sind daraus entstanden, die meisten jenseits des Atlantiks weitgehend unbekannt. Dank der Bemühungen vorwiegend deutscher Labels haben in den letzten Jahren auch die Sounds des jungen, urbanen Lateinamerika eine gewisse Bekanntheit erreicht: Reggaeton, Mestizo, Funk Carioca oder Cumbia Villera.

Ohne sich dessen vielleicht genau bewusst zu sein, hat man auch hierzulande neuere Popmusik aus Lateinamerika schon längst vernommen. Reggaeton etwa – eine Mischform aus Dancehall Reggae, HipHop, Merengue und elektronischen Beats – war 2005 einen Sommer lang in aller Ohren, als sich Daddy Yankee mit „Gasolina“ und Pachanga mit
„Loco“ sogar in den Top Ten der deutschen Charts platzierten. Der brasilianische Carioca Funk (auch Rio Funk, Favela Funk oder Baile Funk genannt) drängte 2004/05 ebenfalls in mitteleuropäische Haushalte, denn die rohe Rap-Musik aus den Favelas von Rio de Janeiro wurde zur akustischen Illustration zweier Werbespots von Nissan (Black Alien & Speed mit „Quem Que Caguetou“) und Coca Cola („Popozuda Rock’n’Roll“ von De Falla) benutzt. Nicht zuletzt hat der weltweite Erfolg eines Einzelkünstlers wie Manu Chao den hybriden und rebellischen Mestizo-Sound weit über die Grenzen Lateinamerikas hinaus populär gemacht.

Soundtrack der Globalisierungsgegner
1993 unternahm Manu Chao mit seiner damaligen Band Mano Negra aus Frankreich eine ausgiebige Zugreise durch Kolumbien. An jedem Bahnhof stieg die Band aus, um vor Ort Frei-Konzerte zu geben. Auf diese ungewöhnliche Art und Weise hat sich der Mano Negra-Sound sehr direkt und „volksnah“ im Land verbreitet und schließlich auch in lateinamerikanischen Alternative-Szenen nachhaltige Spuren hinterlassen. Zur besseren Kennzeichnung dieser musikalische Mixtur aus Ska, Reggae, HipHop, Punk, Rock und Latinomusik prägten Plattenfirmen schließlich den Begriff Mestizo, ein altes Schimpfwort für Lateinamerikaner im Exil. Damit wurde einerseits der Tatsache Rechnung getragen, dass sich Mestizo-Musik über lateinamerikanische Migranten auch in Spanien und Portugal, Frankreich oder Deutschland verbreitete, andererseits ein negativer Begriff positiv umgedeutet, sei es auch nur aus vermarktungstechnischen Gründen. Heute gilt Mestizo-Musik jedenfalls als interkontinentales Phänomen und Soundtrack der weltweit vernetzten Globalisierungsgegner.
Dieser Umstand wird mit einer Compilation wie „Mestizo Musik“ vom renommierten Münchner Label Trikont bestens dokumentiert. Der Untertitel „Rebelión en América Latina“ gibt hier die Richtung an, besitzt doch Popmusik in Lateinamerika immer noch eine starke oppositionelle Kraft, die sich gegen soziale und politische Missstände richtet. Panteón Rococó aus Mexico, Karamelo Santo aus Argentinien, Coffee Makers aus Kolumbien, Mundo Livre aus Basilien oder Abuela Coca aus Uruguay, Desechos aus Spanien oder La Papa Verde aus Köln – sie alle fabrizieren hier eine geballte Ladung Polit-Pop, bei der der Geist von Manu Chao (der bei Karamelo Santos „La Piquadura“ auch selbst mitwirkt) über allen Stücken schwebt. Und die Wurfrichtung dieses musikalischen Molotov-Cocktails ist klar: der Internationale Währungsfond, die Weltbank oder die von den USA geforderte transamerikanische Freihandelszone. Dabei reflektieren die Stücke die katastrophalen sozialen Zustände in Lateinamerika als Folge von Neoliberalismus und Globalisierung oder schildern Erfahrungen mit Militärdiktaturen. Die Solidarisierung mit den Zapatisten in Mexico oder den Piqueteros in Argentinien ist dabei ebenso selbstverständlich wie die Forderung nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Besonders ergreifend ist das letzte Stück, wo der Chor der Universität Sao Paulo die offizielle Hymne der Landlosen – dem Movimento Sem Terra – zum Besten gibt.
Entstanden ist diese Compilation übrigens auf Initiative von Teilnehmern des europäischen Sozialforums 2003 in Paris und des Vereins Articulation (Kultur in sozialen Bewegungen e.V.) mit dem Vorhaben, die Musik sozialer Bewegungen weltweit populär zu machen und dadurch auch politischen Einfluss auszuüben.

Synthetische Panflöten und rhythmisierte Scherben
Die Mischung macht’s – das gilt nicht nur für Mestizo, sondern auch für viele andere musikalische Genres, die man oft fälschlicherweise genuin mit Lateinamerika in Verbindung bringt. Der weltweit als latinischer Paartanz in Reinkultur geschätzte Salsa etwa ist tatsächlich eine unter Emigranten in den USA enstandene Mischform diverser Stile aus Südamerika und der Karibik. Bossa Nova, der in den 60er Jahren den traditionelleren Samba an Popularität noch übertraf, versteht sich als brasilianische Kreuzung aus einheimischen Song-Formaten und US-amerikanischem Jazz. Und der in Argentinien sehr geschätzte Cuarteto beruht gleichermaßen auf italienischen und spanischen wie auf afrokaribischen Einflüssen. Fast jede lateinamerikanische Popularmusik der letzten Jahrzehnte fußt auf solchen Hybridisierungen. Kein Wunder also, dass sich diese Tradtion auch in den neueren, vorwiegend mit elektronischem Equipment produzierten Genres fortsetzt. Bilden bei den Mestizo-Bands noch vorwiegend
„handgespielte“ Stile samt Songstrukturen musikalische Orientierung, so sind es bei Reggaeton, Carioca Funk oder Cumbia Villera vor allem Rapper und DJs, elektronische Dance Music, Beats und Samples – musikalische Produktion, die auf erschwinglichem Equipment beruht und am Heimcomputer entstehen kann.
Reggaeton aus Puerto Rico, Chile oder Panama, wüster Carioca Funk aus Brasilien oder der etwas traditionellere Cumbia Villera aus Argentinien – so verschieden die einzelnen Stile in ihrer musikhistorischen Genese auch sein mögen, stets handelt es sich dabei um junge Volksmusik, die durch die Communities der Ghettos und Armenviertel in Südamerika strömt. „Die Ghetto-Kids haben in dieser Musik ihr Sprachrohr gefunden. Für sie sind die Songtexte von Tego Calderon die Bahnhofspassagen auf der Reise in ein besseres Leben. In Los Pibes Chorros sehen sie die lateinamerikanischen Wiedergänger von Robin Hood in einer Zeit der Raubritter. Aber die Geschichten werden bereits durch den Mix erzählt, durch die Beats und die Zitate. Im Grunde geht es um den Soundtrack des Postkolonialismus – was dem einen sein Ölfass, ist dem anderen seine Steel Drum.
Was der westlichen Welt Copyright-Gesetzgebungen sind, ist in Lateinamerika ein Zettel, der die überfüllten Straßen entlangweht – vorbei an Bootleg-Ständen vor zusammengeschusterten Hütten, tuckernden Dieselmotoren, die kaum das Surren der allerorten angezapften Strommasten übertönen“, schreibt der Musikjournalist Philip Sherburne in den CD-Linernotes zur Compilation „Señor Coconut presents Coconut FM: Legendary Latin Club Tunes“, die 2005 vom deutschen Label Essay veröffentlicht wurde. Schamlos kreuzen sich hier Latino-Rhythmen mit Dancehall Reggae und Miami Bass (einem HipHop-Subgenre); Congas und Casios, synthetische Panflöten und Samples von Glasscherben wechseln sich ab, und fast immer gilt: der billigeste Effekt ist auch der Beste. So lebt in dieser Unbekümmertheit für europäische Ohren vor allem die Frühzeit von HipHop und Rave nochmal auf.

Sex- und Gewaltphantasien, Beats und MG-Salven
Noch Ende der 50er Jahre konnte ein Film wie „Orfeu Negro“ das Leben in den Favelas von Rio de Janeiro halbwegs romantisierend darstellen. Seitdem haben sich die Lebensbedingungen in den Slums enorm veschlechtert. Drogen-Gangs wie Comando Vermelho und Terceiro Comando kontrollieren große Teile der über 600 Favelas, in denen Prostitution, brutale Gewalt, Drogenhandel und der Besitz von Schusswaffen sogar unter Jugendlichen und Kindern an der Tagesordnung sind. Der Spielfilm „City of God“ (2002) thematisiert diese Zustände in aller Drastik. In diesem Milieu ist in den 80er und 90er Jahren auch der Carioca Funk als lokale HipHop-Abart aus Electro-Beats und brasilianischen Percussions, dreistem Sampling und schrillen Sound-Effekten entstanden. Als Funkeiros bezeichnen sich die Anhänger des primitiv-effektiven Funks, der in äußerst expliten Texten die im Ghetto vorherrschenden Themen reflektiert und feiert: Sex, Drogen und Gewalt. Der amerikanische Gangsta-Rap gilt hier als Vorbild, wird aber an Krassheit in Rio weit übertroffen – besonders auf den unter dem Begriff Proibidão (=verboten) in den Favelas kursierenden Mix-CDs mit Live-Aufnahmen, dessen professionelle Verbreitung von Drogen-Gangs gewährleistet wird. Berüchtigt war die Musik in den 90er Jahren vor allem durch die vielen Todesopfer bei den sogenannten Bailes de Corredor (auch Bailes Funk genannt) – Massenveranstaltungen mit tausenden von Besuchern in Turnhallen und auf Fußballplätzen der Favelas. Zum Freizeitvergnügen zählt hier, dass sich rivalisierende Gangs entlang eines Korridors in zwei Hälften spalten, in desse Mitte sich die gegnerischen Funkeiros in einer Art Kampftanz attackieren. Einen erschütternden Augenzeugen-Bericht über die Baile Funk-Szene und die Situation in den Favelas hat Klaus Stark verfasst (http://www.ila-bonn.de/brasilientexte/bailefunk.htm). Heute ist Carioca Funk längst kein Undergroundphänomen mehr. Auch die weiße Mittel- und Oberschicht Rio de Janeiros tanzt inzwischen auf Funk-Partys in Copacabana oder Ipanema zu dieser Musik. Im Radio oder in Plattenläden ist Carioca Funk ebenfalls präsent, und die größten Hits des Genres (MC Serghinos „Pocotocopo“, Bonde Do Tiagros
„O Baile Todo“ oder „Tapinha“ von MCs Nadinho & Beth) wurden so populär, dass sie sogar in den Fußballstadien Rios gesungen werden. Dem DJ und Musikjournalisten Daniel Haaksman ist es zu verdanken, dass diese und andere Carioca Funk-Stücke einem internationalen Publikum überhaupt bekannt wurden, zählen doch seine beiden Compilations „Rio Baile Funk: Favela Booty Beats“ und „More Favela Booty Beats“ zu den allerersten Veröffentlichungen dieser Art außerhalb Brasiliens. Auf seinem eigenen Label Man Recordings hat Haaksman in den letzten beiden Jahren auch zahlreiche Baile Funk- Maxis mit Remixen renommierter Produzenten aus den USA und England herausgegeben. Und mit „Frenétiko“ von Edu K ist hier 2006 auch das erste Künstleralbum eines Baile Funk-Produzenten in Deutschland erschienen. Die Chancen, durch die internationale Popularisierung des Favela-Funks aus der Favela rauszukommen, wachsen weiter.

Various Artists – Mestizo Music. Rebelión en América Latina (Trikont / Indigo) Various Artists – Señor Coconut presents Coconut FM: Legendary Latin Club Tunes (Essay / Indigo)
Various Artists – Rio Baile Funk: Favela Booty Beats (Essay / Indigo) Various Artists – Rio Baile Funk: More Favela Boots Beats (Essay / Indigo)
Various Artists – Proibidão C.V.: Forbidden Gang Funk From Rio de Janeiro (Sublime Frequencies / Import)

Bundeszentrale für politische Bildung online, 2007