Folk als künstlerische Haltung – Devendra Banhart (Originalfassung)

Mit zwei herausragenden CDs innerhalb von fünf Monaten und ausgiebigen Europatourneen hat Devendra Banhart Aufsehen erregt. Der 23-jährige Singer- Songwriter gilt als Aushängeschild einer neuen, jungen Folkszene in den USA, die sich weniger über einen einheitlichen Stil, als über eine gemeinsame Haltung definiert.

„Folk Musik bedeutet im Moment, dass sich die Leute in ihre eigene Welt zurückziehen und nach eigenen Gesetzen und Regeln leben. Das ist auch ein Reflex auf das Versagen der Politik, und man kann das eine Weile durchziehen. Es geht um Musik, die nicht für Labels oder die Presse gemacht wird, sondern füreinander – das ist das Folk-Element“, erklärt Devendra Banhart, missmutig über Etikettierungen wie „New Weird Folk“, mit denen sein mythischer Hippie-Folk-Sound bedacht wird. Diese Art Musik, so Banhart, existiere in unterschiedlichen Ausprägungen schon seit 40 Jahren in San Francisco oder im Nordwesten der USA und sei von den Medien nur allzu wenig beachtet worden. Doch jetzt wird sie beachtet – und das liegt nicht nur an der Qualität von Banharts aktuellen CDs „Rejoicing In The Hands“ und „Niño Rojo”, sondern ebenso an anderen aktuellen, auffällig selbstbewusst und organisch klingenden Produktionen aus der amerikanischen Folkszene: Vetiver, ESPers, Six Organs Of Admittance, vor allem die Sängerin/Harfinistin Joanna Newsome und das Geschwister-Duo Coco Rosie haben in den letzten Monaten bemerkenswerte Debuts veröffentlicht. „Ich würde diese Szene einfach als ‚Familie’ bezeichnen, denn wir haben uns zuerst als Freunde kennen gelernt. Mehr als um Folk als Stil geht es dabei um eine gemeinsame Geisteshaltung.“ Geprägt ist diese u.a. durch einen Do-It-Yourself-Ethos, der musikalische Freiheit und Kollektivität gegen eine bloße Warenförmigkeit von Musik in Stellung bringt.

Rauhe Schönheit
Devendra Banhart, der seinen Namen bei einem Indientrip seiner Mutter von einem Guru erhalten hat, gilt nicht umsonst als einer der Shooting Stars des Jahres. Schon lange nicht mehr klang Singer-Songwriter-Musik so intim, lebendig und zeitgenössisch, obwohl ihre stilistischen Wurzeln tief in der Vergangenheit liegen. Wie ein Gourmet seines eigenen Gesangs schmeckt Banhart die gesungenen Worte mit der Zunge ab. „It’s a sight to behold / when you’ve got some words to mold / And you can make them your own“, heißt es in einem seiner aphoristischen Songs. Viele Banhart-Stücke bestehen eher aus Song-Fragmenten, die nicht das klassische Strophe-Refrain-Schema bedienen. Durch die Wiederholung und unterschiedliche Betonung einzelner Phrasen wird Eingängigkeit erzeugt, durch schwankende Dynamiken entsteht Spannung. Mal klingt Banharts Stimme wie der junge Marc Bolan, mal wie eine hysterische Diva. Nur spärlich von Gitarre und wenigen anderen akustischen Instrumenten begleitet, bleibt sein Klangbild durchlässig für Neben- und Hintergrundgeräusche, etwa Vogelgezwitscher oder das Knarzen eines Korbsessels. Diese Offenheit gegenüber einem akustischen Außen ist wesentlicher Bestandteil von Banharts Ästhetik. Kein Wunder, dass er professionelle Tonstudios ablehnt: „Diese ganzen schicken Tonstudios machen nichts anderes, als sämtliche Klänge zu eliminieren, die mit dem Moment kollaborieren. Naturgeräusche, all das Schöne, was drumherum erklingt, wird beseitigt. Dabei sind Plattenaufnahmen wie ein chemischer Prozess, und wenn man alle Klänge zulässt, können magische Dinge entstehen.“ Von solchen Momenten kündete schon Banharts 2002 veröffentlichtes Debut-Album „Oh Me Oh My…“, dessen Stücke Banhart mit schlichtem Vierspurgerät und Anrufbeantworter aufgenommen hat. Das Bandrauschen und die verzerrte Tonqualität des Anrufbeantworters verleihen der Musik ebenso Direktheit wie entrückten Charme.
Nachdem Michael Gyra (Ex-Swans) diese Aufnahmen gehört hatte, bot er dem zwischen San Francisco, New York und Paris hin und her pendelnden Nomaden sofort eine Veröffentlichung auf seinem Young God-Label an. Die rauhe Schönheit von Banharts Stücken ist trotz verbesserter Aufnahmequalität auch auf seinen beiden aktuellen Alben „Rejoicing In The Hands“ und „Niño Rojo“ erhalten geblieben.

Das Zeug zum Star
Bei seiner zweiten Europatournee diesen Herbst trat Banhart nicht mehr solo auf, sondern mit Bandbegleitung. Andy Cabic von Vetiver sowie Mitglieder von Jackie-O- Motherfucker, Little Wings und Y.A.C.H.T. waren dabei. Zum Konzert in der belgischen Provinzstadt Hasselt erschienen gut 400 Besucher, die mit Banharts Repertoire bestens vertraut schienen. So entfaltete sich zwischen Bühne und Publikum eine entspannte, nahezu familiäre Atmosphäre. Man fragt sich, woher all die Leute kommen. „Das hat sehr viel mit dem Internet zu tun, für uns ist es das New Age-Orakel. Nicht nur in den USA, auch über die ganze Welt, haben sich Musik-Szenen und Feundschaften allein über das Internet gebildet“, erklärt Banhart. In diesem Kontext kann Banhart auch seine zweifelsohne vorhandenen Star-Qualitäten ausagieren, die vor allem auf einer völlig unzynischen, aber versponnenen Intimitäts-Performance basieren. Ansagen zwischen den Stücken werden gesungen, auch hinsichtlich der Bühnen-Kommunikation gilt: man singt sich an. Für seinen Auftritt hat Banhart den Sikh-Turban abgelegt, nun kann er bei den etwas wilderen Passagen seine Hippie-Mähne im Rhythmus schütteln. Unterm Jackett trägt er ein Puma-T-Shirt mit dem Aufdruck „I Love Jamaica“. Wie ist das nun gemeint? Es scheint, als beherrsche Banhart auch die poptypische Zeichen-Konfusion perfekt, vielleicht sogar ein bisschen zu perfekt. Doch als Zugaben ertönen dann wirklich Reggae- Coverversionen und eigene Songs im Reggae-Rhythmus. Und der kommende Folk-Star erklärt: „Reggae ist die höchste Form von Folk-Musik. Außerdem ist es meine Lieblingsmusik. Ich habe jetzt angefangen, Reggae-Stücke zu schreiben – die flossen mir wie von selbst aus den Fingern.“

Oh Me Oh My… (Young God Records / Import) Rejoicing In The Hands (Young God / XL Recordings) Niño Rojo (Young God / XL Recordings)

NZZ, 09.12.2004