WDR 3 Open: Sounds / SoundWorld / FreiRaum – Sendungen

WDR 3 Open Sounds

Milano Sperimentale – die experimentelle Musikszene in Mailand
Sendung: 25.03.2017, 23.15 Uhr

In den letzten beiden Jahrzehnten war das Image Mailands vor allem von Mode-Spektakteln und dem bizarren Glamour der Berlusconi-Ära geprägt. Doch mit dem ökonomischen Niedergang Italiens wandelt sich das urbane Zentrum der Lombardei wieder zur vibrierenden Kultur-Metropole. Rund um international beachtete Musiker wie Giuseppe Ielasi und Nicola Ratti hat sich hier seit einigen Jahren auch eine experimentierfreudige Musikszene etabliert, die sich von Indie-Rock und Dancemania verabschiedet hat und die Spuren elektronischer, elektro-akustischer und improvisierter Musik aufnimmt, wie sie in Mailand von Mitte der 1950er bis Anfang der 1980er Jahre gelegt wurden. Insbesondere das von Bruno Maderna und Luciano Berio für Rundfunkproduktionen der RAI gegründete “Studio di Fonologia” war damals international einflussreich. Zahlreiche elektronische Produktionen dieses Studios werden neben Werken zeitgenössischer Komponisten seit Jahren vom Mailänder Label “Die Schachtel” in sorgfältigen Editionen für den Tonträgermarkt aufbereitet. Daneben widmen sich Labels wie Holiday und Black Sweat aktueller improvisierter Musik und verschollenen italienischen Schätzen zwischen Jazz, elektro-akustischer Musik und dem Library-Sektor, während Alga Marghen mit seinen Veröffentlichungen schon seit 20 Jahren die nicht-kanonisierte Avantgarde des 20. Jahrhunderts featuret. Darüber hinaus tragen Veranstaltungsorte wie Macao oder O’ und Festivals wie Saturnalia oder Terraforma weit über Mailand hinaus zur Popularisierung experimenteller Musik bei. Nicht zuletzt fungiert ein Plattenladen/Mail Order wie Soundohm als zentrale Anlauf- und Informationsquelle für die wachsende Szene. Musiker, Labelbetreiber und andere Akteure geben Auskunft über die experimentelle Musik in Mailand von heute und gestern.

Navigator durch den Underground – die Nurse With Wound-Liste
Sendung: 19.11.2016, 22.05 Uhr

ABBA nein, Zappa ja! Für Fans experimenteller, progressiver oder obskurer Musik aller Art fungiert die sogenannte Nurse With Wound-Liste seit Jahrzehnten als Navigator durch den Underground. Die Industrial-Gruppe Nurse With Wound legte ihrem Debut-Album “Chance Meeting on a Dissecting Table of a Sewing Machine and an Umbrella” (1979) eine unkommentierte Liste mit Namen von Bands, Musikern und Komponisten bei, die auf ihrem zweiten Album “To the Quiet Men from a Tiny Girl” (1980) um weitere Namen und Details ergänzt wurde. Von den NWW-Mitgliedern Steven Stapleton, John Fothergill und Heman Pathak als eine Hommage an Musiker erstellt, die ihr Projekt inspiriert haben, gilt die 291 Einträge umfassende und alphabetisch geordnete Liste seitdem als Referenz für Fans und Sammler außergewöhnlicher Musik der 1960er und 70er Jahre. Hier finden sich Avantgarde-Komponisten wie Karlheinz Stockhausen oder Iannis Xenakis und Außenseiter wie Basil Kirchin und Costin Miereanu, Krautrock-Acts wie Can und Kraftwerk, aber auch Wolfgang Dauner und Floh de Cologne, französischer, italienischer oder japanischer Prog Rock, Post Punk von The Flying Lizards oder This Heat, früher Industrial von Dome oder Throbbing Gristle, Künstler wie Jean Dubuffet und Improvisateure wie AMM oder MEV, Jazz-Rock, obskurer Brit Folk und Rock aus Tschechien, aber auch Nico, La Monte Young und die Stooges. Ein Streifzug durch die NWW-Liste mit David Cunningham (Flying Lizards, London), Frank Dommert (A-Musik; Reihe M, Köln), Markus Detmer (Staubgold Records, Perpignan), Till Kniola (Autor; Pop-Referent der Stadt Köln).  
 

Von “Mah-Na, Mah-Na” bis “Synthi Time” – die Sound-Welten von Piero Umiliani
Sendung: 04.06.2016, 22.05 Uhr

Bis vor Kurzem dürfte Piero Umiliani nur jenen ein Begriff gewesen sein, die sich für Filmmusik und italienischen Jazz aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessieren. Dabei müsste der 2001 verstorbene, florentinische Komponist, Musiker und Produzent eigentlich weltberühmt sein – verantwortet er mit dem aus der Muppets’ Show bekannten, kindgerechten Jazz-Schlager „Mah-Na, Mah-Na“ doch einen globalen Hit mit uneingeschränktem Haltbarkeitsdatum. Seit ein paar Jahren wird Umilianis umfangreiches und enorm vielschichtiges Werk, das sich vor allem auf Soundtracks und Library-Produktionen verteilt, wiederveröffentlicht – und gewährt Einblick in eine über drei Jahrzehnte andauernde kreative Hochphase. Ob in Zusammenarbeit mit Jazz-Künstlern wie Helen Merrill oder Chet Baker, ob bei Soundtracks für Thriller, Abenteuerfilme und Soft Pornos oder im Einsatz von Synthesizern, Tonband oder Rhythmusmaschinen, ob als Jazz-Arrangeur oder als Vorreiter von World Music und Ambient – Umilianis Produktionen aus dem eigenen Sound Work Shop-Studio in Rom bestechen durch Ideenreichtum und Raffinesse, eine virtuose Beherrschung aller erdenklichen Stile und musikalischen Parameter und eine Lust an Experiment und Klangforschung. Piero Umiliani, dessen Oeuvre in puncto Abwechslungsreichtum nur von seinem Landsmann Ennio Morricone übertroffen wird, war ein musikalischer Abenteurer, den es zu entdecken gilt.

 

WDR 3 Open SoundWorld

Bristol Sounds – Die Post-Dubstep-Generation
Sendung: 28.04.2015, 23.05 Uhr

Seit sich in den 80er Jahren die Postpunk- und HipHop-Szenen mit der Dub- und Reggae-Community im Stadtteil St Pauls verbunden haben, steht Bristol („die Stadt mit dem Hippie-Vibe“, wie Engländer sagen) für Fusionen und musikalische Hybride. * Ohne sich explizit auf Vorläufer-Generationen des Bristol Sounds wie Massive Attack, Portishead, Tricky, Roni Size und DJ Krust zu beziehen, ist auch der aktuelle Post-Dubstep in Bristol von Offenheit, Konnektivität und einem Genre übergreifenden Musik-Verständnis geprägt. Im Zentrum des Geschehens stehen Sound System-artige Kollektive: die Dancefloor-orientierten Livity Sound (mit Peverelist, Kowton und Asusu) sowie die experimentierfreudige, zehnköpfige Formation Young Echo (mit Vessel, Khan, El Kid, Zhou u.a.) mit zahlreichen Seitenprojekten wie Killing Sound, Ishan Sound, Gorgon Sound oder Peng Sound. Sie veranstalten nicht nur regelmäßige Club-Nächte im „Exchange“, sondern zelebrieren mit ihrem „Young Echo Radio“ formatsprengende und stil-pluralistische Musik-Sendungen von bis zu sieben Stunden Länge.  Produzenten, Labelbetreiber und andere Aktivisten geben Auskunft über den aktuellen Bristol Sound.

Pigneto Psych – Die römische Okkult-Psychedelic-Szene
Sendung: 27.01.2015, 23.05 Uhr

Im Osten Roms liegt der multikulturell geprägte Stadtteil Pigneto, der im Neorealismus und in den Filmen Pasolinis und Viscontis oftmals als Filmkulisse diente. Hier gedeiht seit einigen Jahren eine Musikszene, die sich selbst als „occult psychedelia movement“ bezeichnet und deren Musik düster, experimentell und esoterisch ausgerichtet ist. Zur Szene zählen Bands und Projekte wie Cannibal Movie, Heroin In Tahiti, Spettro Family, Mai Mai Mai, Lay Llamas oder Donato Epiro, Labels wie No=Fi Recordings und Boring Machines, Locations wie das DalVerme und seit 2012 auch das dreitätige Musik-Festival „Thalassa“. Zu den gemeinsamen Bezugspunkte der Macher zählen: lokale Folklore und okkulte Praktiken, das italienische Extrem-Kino der 60er und 70er Jahre (Spaghetti Western, Giallo- und Horror-Filme, Mondo Movies und Kannibalen-Filme), entsprechende Soundtracks und Library-Musik sowie Musiker wie Franco Battiato oder Roberto Cacciapaglia. Die Szene teilt außerdem eine Faszination für die dunkle Seite des klischeebeladen Dolce Vita der goldenen 60er und 70er Jahre (Gewalt, Terrorismus, urbaner Zerfall, Korruption) und beschwört deren Geister herauf – was den italienischen Journalisten Antonio Ciarletta dazu veranlasste, hier eine Parallele zur britischen Hauntology und zum amerikanischen Hypnagogic Pop zu ziehen. Musiker, Labelbetreiber, Festivalmacher und andere Akteure geben Auskunft über das „occult psychedelic movement“ in Rom.

 

WDR 3 Open FreiRaum

“Verdammt nah an Rentner-Jazz” – Diedrich Diederichsen im Blindfoldtest
Sendung: 04.10.2014, 23.05 Uhr

Der Blindfold-Test ist ein musikalisches Ritual, das die Jazz-Zeitschrift „Down Beat“ popularisiert hat. Musiker werden mit Aufnahmen ihrer Kollegen konfrontiert und um kritische Bewertungen und Zuordnungen gebeten, ohne dass ihnen die Besetzung der Aufnahme oder die Namen der Komponisten genannt werden. Für „WDR 3 open FreiRaum“ hat sich Diedrich Diederichsen, der wohl einflussreichste deutsche Pop-Theoretiker der letzten 30 Jahre, auf dieses Format eingelassen. Als Redakteur und Herausgeber von Musikzeitschriften wie „Sounds“ und „Spex“ und mit Buchveröffentlichungen wie „Sexbeat“ (1985), „Freiheit macht arm“ (1993) oder „Der lange Weg nach Mitte“ (1999), mit zahlreichen Texten für Feuilleton und Fachzeitschriften sowie seit den 90er Jahren als Hochschullehrer hat Diederichsen den Pop-Diskurs hierzulande maßgeblich beeinflusst. Im Frühjahr 2014 erschien Diederichsens Opus Magnum „Über Pop-Musik“, das man zweifelsohne als Standard- und Grundlagen-Werk der Pop-Theorie bezeichnen darf. Im Zusammenhang mit der ausgewählten Musik werden im Blindfold-Test einige zentrale Thesen des Buchs erörtert.

Peter Walsh im Blindfoldtest
Sendung: 19.04.2014, 23.05 Uhr

Der Blindfold-Test ist ein musikalisches Ritual, das die Jazz-Zeitschrift „Down Beat“ popularisiert hat. Musiker werden mit Aufnahmen ihrer Kollegen konfrontiert und um Kommentare gebeten, ohne dass ihnen Titel oder Interpreten der Aufnahme genannt werden. Für WDR 3 open: FreiRaum hat sich der britische Produzent Peter Walsh – bekannt durch seine Produktionen für Scott Walker – auf dieses Spiel eingelassen.
Peter Walsh begann seine Arbeit als Musikproduzent 1979. Nach ersten Studio-Erfahrungen mit Künstlern wie Stevie Wonder oder den Boomtown Rats sollte Walsh 1981 mit Heaven 17 bei „Penthouse and Pavement“ einen Meilenstein des New Wave mitgestalten. Nach weiteren Erfolgen mit Simple Minds’ “New Gold Dream“ oder diversen Arbeiten für Peter Gabriel kam es 1984 zu einer Zusammenarbeit mit Scott Walker bei dessen Comeback als Solo- Künstler mit dem Album „Climate Of Hunter“. In den folgenden Dekaden kreierte Scott Walker auf Alben wie „Tilt“ (1995), „The Drift“ (2006) und „Bish Bosh“ (2012) eine ebenso einzigartige wie exzentrische musikalische Sprache, an der Walsh als Produzent maßgeblich beteiligt war. Peter Walsh ist Scott Walkers engster musikalischer Verbündeter, ein musikalischer „Übersetzer“ seiner Ideen.

Library Music – die Parallelwelt des Pop. Teil 2 – Protagonisten und Platten
Sendung: 16.02.2013, 23.05 Uhr

Wer an Rhythmus und Sound interessiert ist, kommt an ihr nicht vorbei. Library Music ist ein von Komponisten und Musikern frei gestaltetes, aber nach funktionalen Kriterien der musikalischen Hintergrundbeschallung von Filmen, Fernseh- oder Radio-Beiträgen ausgerichtetes Oeuvre, das seine kreative Hochphase von Ende der 60er bis Anfang der 80er Jahre hatte. Library Music war nicht kommerziell erhältlich, sondern wurde über Kleinstauflagen in der Medienbranche vertrieben. Weltweit gab es hunderte von Library- Labels, zu den bekanntesten zählen De Wolfe, KPM, Telemusic oder Selected Sound. In ihrer Blütezeit hat Library Music nahezu jedes musikalische Genre abgedeckt: Pop, Klassik, Jazz, Bossa Nova, Funk, Soul, Disco, Rock, Fusion, Musique Concrète, Moog-Elektronik, Psychedelic, Folklore, Ambient, Experimentalmusik. Unbekannte Musiker und Produzenten aus der zweiten Reihe, aber auch bekannte Komponisten wie Ennio Morricone, Peter Thomas, Bruno Nicolai, Bernard Parmegiani, Piero Umiliani, Egisto Macchi oder Basil Kirchin haben Library Music produziert. Kein Wunder, dass dieses Oeuvre schon seit geraumer Zeit Aufmerksamkeit bei Sammlern und Pophistorikern erregt, kein Wunder, dass immer mehr Library Music heute als regulärer Tonträger wiederveröffentlich wird.
Der zweite Teil der Serie widmet sich den wichtigsten Protagonisten und interessantesten Platten der Library Music. Francesco Argento, Betreiber der Website des italienischen Soundtrack- und Library-Komponisten Piero Umiliani sowie James Pianta vom australischen Re-Issue-Label Roundtable geben Auskunft.

Library Music – die Parallelwelt des Pop. Teil 1 – Kult und Kunst
Sendung: 09.02.2013, 23.05 Uhr

Wer an Rhythmus und Sound interessiert ist, kommt an ihr nicht vorbei. Library Music ist ein von Komponisten und Musikern frei gestaltetes, aber nach funktionalen Kriterien der musikalischen Hintergrundbeschallung von Filmen, Fernseh- oder Radio-Beiträgen
ausgerichtetes Oeuvre, das seine kreative Hochphase von Ende der 60er bis Anfang der 80er Jahre hatte. Library Music war nicht kommerziell erhältlich, sondern wurde über Kleinstauflagen in der Medienbranche vertrieben. Weltweit gab es hunderte von Library- Labels, zu den bekanntesten zählen De Wolfe, KPM, Telemusic oder Selected Sound. In ihrer Blütezeit hat Library Music nahezu jedes musikalische Genre abgedeckt: Pop, Klassik, Jazz, Bossa Nova, Funk, Soul, Disco, Rock, Fusion, Musique Concrète, Moog-Elektronik, Psychedelic, Folklore, Ambient, Experimentalmusik. Die Produktion von Library Music entpuppte sich schnell als ungeheure Spielwiese für musikalische Experimente und Groove- Exzesse, für gewagte Sounds und Arrangements; als Testlauf für Effektgeräte und neue Instrumente wie Moog-Synthesizer und Rhythmusmaschinen oder als Rahmen für kompositorische Skizzen, unausgegorene Ideen oder regressive Obsessionen. Kein Wunder, dass dieses Oeuvre schon seit geraumer Zeit von hippen Produzenten rund um den Globus ausgeschlachtet wird, kein Wunder, dass immer mehr Library Music heute als regulärer Tonträger wiederveröffentlich wird.
Der erste Teil der zweiteiligen Serie widmet sich dem Phänomen Library Music und skizziert dessen Innovationsgeschichte. Jonny Trunk, der sich dieser Musik schon seit Ende der 90er Jahre widmet, und James Pianta vom australischen Re-Issue-Label Roundtable geben Auskunft.

Bandsalat – alte und neue Tape-Rezepturen
Sendung: 12.01 2013, 23.05 Uhr

Ob bei der Musique Concrète, den elektronischen Avantgarden verschiedener Epochen, beim BBC Radiophonic Workshop oder im Studio des Krautrock-Pioniers Conny Plank, im Dub Reggae oder im experimentellen Pop – ohne das Magnettonband ging (und geht!) gar nichts. Gerade in den letzten Jahren erfreut sich die Sound-Ästhetik und das analogische Rauschen von Tonband und Kassette einer neuen Popularität – auch wenn nicht immer klar ist, ob es sich dabei um authentisches Tape-Material oder perfekte Simulationen digitaler Softwares handelt. Das Spektrum reicht von Aki Ondas Kassettenmusik über William Basinskis vielbeachtetes Tape-Monument „Disintegration Loops“ bis zum echoverhangenen Sunshine Pop der Peaking Lights und den Noise Dub von Ekoplekz. Zu Wort kommen John Foxx und Mark Ayres vom BBC Radiophonic Workshop, die sich an kreative Hochphasen der Tonband-Ära erinnern.

The Outernational
Sendung: 01.12.2012, 23.05 Uhr

Schon seit ein paar Jahren schmückt der Begriff „Outernational“ das Vokabular avancierter Musik-Produzenten und Distributoren. Beim Londoner Label „Honest Jons“ wird
„Outernational“ vage als Synonym für nicht-westliche Popmusik und Folklore verwendet, während er unter jamaikanischen Rastas traditionell in ideologischer Abrenzung zum westlich-hegemonialen Begriff „International“ gebräuchlich ist. Im Sinne des Musikjournalisten Klaus Walter würde „outernational“ heute aus postkolonialer Perspektive
u.a. eine „musikalische Praxis charakterisieren, die nationale und kontinentale Grenzen überschreitet, ohne die blutige Vergangenheit von Sklaverei und Kolonialismus zu vergessen“. Beim Berliner Musiker und Produzenten Brunt Friedman hingegen fungiert der Begriff quasi als ästhetisches Programm für seine eigenen Produktionen: dem „Erfinden einer außernationalen, ent-orteten Musik.“ Die verschiedenen musikalischen Ausprägungen des
„Outernational“ – von Roots Reggae über afrikanische (Pop-)Musik, von den Ethnological
Forgery Series der Gruppe Can und John Hassells „Fourth World Music“ bis zu Burnt Friedmans „Secret Rhythms“ kreuzen sich derweil mit aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskursen über das Inter-, Trans- oder Hyperkulturelle. Der Autor Thomas Burkhalter und Burnt Friedman bringen Licht ins Begriffswirrwarr.

„Reynoldsmania“: Wie lange dauert die retromanische Phase des Pop-Feuilletons?
Sendung: 27.10. 2012, 23.05 Uhr

Schon mit seinen bisherigen Büchern über den Postpunk der 80er oder die Rave-Kultur der 90er Jahre beschäftigte der 1963 geborene Musikjournalist Simon Reynolds die Musikpresse. Kein Vergleich zum Rummel um sein 2011 erschienenes Buch “Retromania”, in dem er der Popkultur eine “Sucht nach der eigenen Vergangenheit” diagnostiziert. Schnell eroberten Reynolds’ Thesen den Musikdiskurs im anglo-amerikanischen Raum, mit der üblichen Verzögerung auch das deutsche Feuilleton. Über “Retromania” wird nicht nur in Pop- Seminaren debattiert, es erreicht hierzulande auch Mainstream-Medien wie den “Focus”.
Reynolds’ Zeitgeist-Analyse ist zur Leitwährung für Album-Kritiken und Konzertbesprechungen geworden, dabei sieht sich der Autor weder als Theorie-Papst noch als Trendsetter. Zeit für eine Zwischenbilanz der Retromania-Diskussionen. Steffen Irlinger, Raphael Smarzoch und Olaf Karnik befragen Reynolds und seine Kritiker.

John Foxx und Benge im Blindfoldtest
Sendung: 23.06.12, 23.05 Uhr

Der Blindfold-Test ist ein musikalisches Ritual, das die Jazz-Zeitschrift „Down Beat“ popularisiert hat. Musiker werden mit Aufnahmen ihrer Kollegen konfrontiert und um kritische Bewertungen und Zuordnungen gebeten, ohne dass ihnen die Besetzung der Aufnahme oder die Namen der Komponisten genannt werden. Der britische Synthpop-Pionier John Foxx hat sich zusammen mit dem Synthesizer-Spezialisten Benge für WDR 3 open: FreiRaum bereitwillig einem solchen Blinde-Kuh-Spiel unterzogen.
Beeinflusst von Roxy Music, Brian Eno und deutschem Krautrock, gründete John Foxx in den 70er Jahren die Band Ultravox!, die mit ihren ersten drei Alben den Postpunk Sound der ausgehenden Siebziger nachhaltig prägte. Mit seinem 1980 erschienenen Solo-Album
„Metamatic“ kreierte John Foxx eine Art Blaupause für britischen Synthpop, der in letzter Zeit zahlreiche Revivals erlebt hat. Nach über zehnjähriger Absenz, in der er u.a. als Grafiker arbeitete, kehrte John Foxx Mitte der 90er Jahre ins Musikgeschäft zurück, um die elektronische Popmusik mit cinematisch bis sakralen Ambient-Werken zu bereichern. Den Faden seines ebenso dystopischen wie futuristischen Synthpop-Meisterwerks „Metamatic“ hat der heute 63-jährige Foxx in den letzten Jahren in zahlreichen Kollaborationen wieder aufgenommen – aktuell zusammen mit Benge auf zwei Alben unter dem Namen John Foxx & The Maths. Als Komponist und vor allem als Sammler historischer Synthesizer hat Benge in der Welt analoger Elektronik-Sounds deutliche Spuren hinterlassen – so wurde Benges didaktisches Album/Buch „Twenty Systems“ (2008) von Brian Eno als „brillanter Beitrag zur Archäologie elektronischer Musik“ gewürdigt.

„Heaven Is Real“ – Die Wahrheit des Popsongs
Sendung: 14.04.2012, 23.05 Uhr

Es gab Zeiten, als man gerne und oft über „richtige“ oder „falsche“ Popmusik gestritten hat – etwa Anfang der Achtziger Jahre oder rund ums Millennium. In den letzten Jahren sind die
Debatten über musikalische Qualitäten von Pop jedoch einer Auseinandersetzung mit Inszenierungen, Styles und historischen Referenzen gewichen. Nicht umsonst heißt der Mega- Star dieser merkwürdigen Ära Lady Gaga, deren Musik nur noch am Rande thematisiert wird. Geht Popmusik heute nur noch in der multimedialen Inszenierung auf, und hat der „Corporate Pop“ der Medienkonzerne endgültig Definitionsmacht erlangt? Ob mit „Fred vom Jupiter“,
„Girls In Love“ oder seinem aktuellen Album „Todesmelodien“ – der Hamburger Andreas Dorau demonstriert seit gut dreißig Jahren, dass es auch anders geht. Und in den USA huldigt der hauptberufliche Universitätsdozent John Maus einer pathetischen Lo-Fi-Pop-Vision, die allzu leichtfertig in die Schublade „Meta-Pop“ gesteckt wird. Denn Maus wie Dorau werfen mit ihrer Musik die alte Frage nach einem spezifischen Wahrheitsgehalt des Popsongs auf – und stehen dazu heute Rede und Antwort.

Are Friends Electric? – Synthiepop Souvenirs
Sendung: 22.10.2011, 23.05 Uhr

Die Geister des Synthiepop gehen um… Liegt es daran, dass John Foxx mit seiner Musik heute wieder Sound und Konzept seines epochalen Albums “Metamatic” von 1980 fortschreibt? Liegt es an aktuellen Cold Wave- und Minimal Wave-Compilations, die längst vergessenen Underground-Synthiepop der 80er Jahre ausgraben? Oder an John Maus’ jüngster Neukontextualisierung dieses Sounds? Voll verschwommener Erinnerungen an die Jahre um 1980 beamt sich Olaf Karnik in die Zeit zurück, als sich John Foxx und Gary Numan, OMD und The Human League oder Suicide und nach wie vor Kraftwerk in eine Zukunft stürzten, die nur ein elektronischer Spiegel der Gegenwart war. Und da ist es wieder
– dieses irritierende Lebensgefühl aus verheißungsvoller Verlorenheit und eisgekühltem Glamour, aus identitätsstiftender Entfremdung und Tristesse-Genuss. Wie aus einem Science Fiction-Film, den Michelangelo Antonioni nie gedreht hat…

Bilder im Ohr – Soundtracks ohne Filme
Sendung: 18.06.2011, 23.05 Uhr

Bei elektronischer Musik jenseits der Tanzböden lässt sich schon seit geraumer Zeit eine Tendenz zum Cinematischen feststellen. Damit korrespondiert ein anhaltendes Interesse von DJs, Diggern und Re-Release-Labels an Library-Musik und obskuren Soundtracks der 60er bis 80er Jahre, vornehmlich aus Film-Genres wie Horror, Crime, Sex und Science Fiction. In der Retrospektive lässt sich hier nämlich eine musikalische Parallelwelt zum pophistorischen Kanon entdecken, deren teils Dancefloor-affine Ästhetik und filmmusikspezifische Funktionalität vor allem zeitgenössische Elektronik-Produzenten und Avant-Rocker inspiriert. Zur Produktion von Soundtracks für imaginäre Filme war es da nur ein kleiner Schritt: Angelehnt an die Dramaturgie klassischer Soundtrack-Alben und als Update des Electro- Prog-Rocks von Goblin hat Umberto (Bassist der amerikanischen Band Expo 70) gleich zwei Alben eingespielt, während sich Demdike Stare aus Manchester auf Platten wie „Forest Of Evil“ die Aufgabe stellen, anhand von dysfunktionalem Techno und spezifischen Signature Sounds einen Horrorfilm rein musikalisch zu erzählen. Demdike Stare und Umberto verraten, was sie sich dabei gedacht haben. Historische Seitenblick auf Brian Enos Soundtracks für (noch) nicht gedrehte Filme und absurde Hörfilm-Projekte wie The Vampires Of Dartmoore erweitern das Spektrum.

Dub Not Dub
Sendung: 09.04.2011, 23.05 Uhr

Dass Dub-Musik wie ein langer Echo-Verzögerungs-Effekt sei, der sich durch die Zeit schleppt und alle paar Jahre regeneriert, merkte David Toop schon in seinem Buch „Ocean Of Sound“ an. Gerade in letzter Zeit sind die Echos von Dub in unterschiedlichsten musikalischen Kontexten wieder sehr präsent. So ließ Lee Perry auf seinem letzten Album bei einigen Stücken den mystischen Dub-Sound seiner 70er Jahre-Reggae-Produktionen aus dem Black Ark-Studio wieder aufleben, und Dub-Meister Scientist erteilte auf seiner CD „Scientist Launches Dubstep Into Outer Space“ britischen Dubstep-Pionieren eine Lehrstunde am Mischpult. Weitergedacht und neu formuliert wird die Dub-Ästhetik jedoch gegenwärtig an den Rändern der Genres: im cinematischen Dub Noir von King Midas Sound, im Lo-Fi
Drone-Pop von Forest Swords oder im Dark Ambient-Goth-Sound von LA Vampires & Zola Jesus, im Blasmusik-geschwängerten Austrodub von Hey-O-Hansen, im Techno-Improv des Moritz von Oswald Trio oder bei Mark Ernestus’ hypnotischen Remixes für Konono No.1, Friedman & Liebezeit und Tortoise. Am weitesten von der einschlägigen Dub-Ästhetik entfernt hat sich sicherlich Shackleton mit seiner extreme Frequenzbereiche auslotenden, perkussiven Dance-Apokalypse. Die Frage nach der Definition von Dub stellt sich erneut – Altmeister Scientist und Neudenker Shackleton geben Auskunft.

Diggin’ All Over The World
Sendung: 27.11.2010, 23.05 Uhr

Digging – das „Ausgraben“ obskurer Vinylplatten in verstaubten Lagerhallen rund um den Globus – ist inzwischen zur echten Manie einer international vernetzten Szene von DJs, Label-Betreibern und Plattensammlern geworden. Im Gegensatz zum besitzfixierten Plattensammler wird der Digger von Forschergeist und dem Drang, seine Schätze und Neuentdeckungen zu veröffentlichten, angetrieben. „Givin’ up food for funk“ – ein alter James Brown-Song charakterisiert diese bisweilen pathologische Obsession treffend.
Ob Thai-Disco, britischer Jazz oder indische Soundtrack-Raritäten, ob afrikanischer Funk oder arabische Folklore, ob alte Schellack-Platten aus der Frühzeit der Musikindustrie – mittlerweile hat sich das Interesse auf alle globalen Popkulturen und Epochen ausgeweitet. Und zahlreiche Labels sind in den letzten Jahren mit Veröffentlichungen auf der Basis des Digger-Prinzips populär geworden – darunter Honest Jons, Soundway, Trunk oder Finders Keepers aus Großbritannien, Mississippi oder Sublime Frequencies aus den USA und Analog Africa aus Frankfurt/Main. Ihre Macher verraten, inwiefern Digging nicht bloß Manie, sondern wertvolle kulturelle Arbeit ist. Schließlich wird dabei Musik restauriert, die andernsfalls auf ewig im Geschichtsloch verschwände.

Hauntology – Sound der unheimlichen Vergangenheit
Sendung: 05.06.2010, 23.05 Uhr

Ein Gespenst geht um in der britischen Musiklandschaft, das Gespenst der Hauntology. Es meint weniger ein Genre oder einen bestimmten Stil als spezielles Konzept – und zählt in Großbritannien zu den nachhaltigsten musikphilosophischen Diskursen der letzten Jahre. Als Begriff und Konzept geht Hauntology zurück auf den französischen Philosophen Jacques Derrida, der in seinem Buch „Marx’ Gespenster“ darlegt, wie unsere Existenz am Anfang des
21. Jahrhunderts durch das Heraufbeschwören von Geistern aus der Vergangenheit geprägt ist. Als Gespenster, die nun umgehen in Europa, hat Derrida die Ideen Karl Marx’ ausgemacht, die nach dem Ende des real existierenden Sozialismus nicht aufgehört haben, den
scheinbar alternativlos gewordenen Kapitalismus unserer Gegenwart heimzusuchen. 2006 wurde Derridas Hauntology-Konzept von britischen Musiktheoretikern und –journalisten wie Mark Fisher (alias K-Punk) oder Simon Reynolds aufgegriffen und auf eine Musik-Ästhetik bezogen, die in den Dubstep-Nocturnes von Burial, den halluzinatorischen Soundscapes von Leyland Kirby (aka The Caretaker), den psychedelisch verklärten Sample Songs von Broadcast und Moon Wiring Club oder im retrofuturistischen Sound Design des Ghost Box- Labels aufscheint.

Angewandte Avantgarde – Kultforschung beim BBC Radiophonic Workshop
Sendung: 06.02.2010, 23.05 Uhr

Immer wieder sucht der Geist des BBC Radiophonic Workshop die Peripherien britischer Popkultur heim. Rund ums Millennium bezogen sich Aphex Twin, Broadcast, Boards Of Canada oder Add N to (X) auf die Geräuschmusik im Popformat, wie sie vom Inhouse- Produktionsteam der BBC von 1958 bis 1998 für Radio- und TV-Sendungen, Trailer, Nachrichten oder den Schulfunk komponiert wurde; heute sind zahlreiche Neo-Psychedeliker und mystische Retrofuturisten hinzugekommen. Nicht zuletzt hat Delia Derbyshire, Grand Dame des Radiophonic Workshop der „swinging sixties“, in Electronica-Kreisen längst Kultstatus erlangt – nahm sie doch mit ihrem Arrangement für „Doctor Who“ (1963) und zahlreichen anderen Scores den Sound elektronischer Popmusik um Jahre bis Jahrzehnte vorweg. Innovative Tonband-Techniken der Musique Concrète und neuartige Klänge von Oszillatoren oder Ring-Modulatoren galten in der prä-digitalen Ära der 60er und 70er Jahre als Markenzeichen des Radiophonic Workshop, der die Errungenschaften der Avantgarde auf funktionale Gebrauchsmusik und Sound-Effekte übertrug, ohne dabei den Anspruch seriöser Klangforschung und werkhafter Komposition zu verfolgen – „das Team musste sein Geld mit futuristischen Jingles und verrückten Geräuschen verdienen“ (Simon Reynolds).
Der Komponist und Radiophonic Worskhop-Archivar Mark Ayres hat sich in den letzten Jahren systematisch Überlick über das sonische Erbe verschafft – und lüftet die letzten Geheimnisse.

Echo und Hall – eine kleine Effektgeschichte der Popmusik
Sendung: 24.10.2009, 23.05 Uhr

Soundeffekte wie Echo und Hall haben den Klang populärer Musik maßgeblich geprägt. Rock’n’Roll, Northern Soul, Surf Instrumentals, Psychedelia und Krautrock, kosmische Discomusik und Space Jazz, Phil Spectors Teenage-Dramen, Exotica, alte Horror- und Science Fiction-Soundtracks, nicht zuletzt Dub in all seinen Spielarten wären ohne Echo und Hall gar nicht denkbar. Eng an die Entwicklung moderner Aufnahmetechniken im Tonstudio geknüpft, fungierten die Soundeffekte nicht einfach als Gimmick oder akustisches Ornament (das auch!), sondern als Mittel zur Kreation elaborierter Klangsprachen mit je unterschiedlicher Funktion. Ob als Soundscape oder Mindscape, als Natur-Simulation oder sonische Architektur, als verräumlichendes oder zeitverzögerndes Verfahren, als dramatische Psycho-Akustik oder zur Heraufbeschwörung eines kulturellen Gedächtnisses – die Kodierungen von Echo und Hall in der populären Musik sind vielfältig. Zur Entzifferung trägt Michael E. Veal, Ethnomusik-Wissenschaftler und Autor von „Dub – Soundscapes & Shattered Songs in Jamaican Reggae“, bei.

Versuch über die Beatbox – ein Rückblick auf die Ära der Rhythmusmaschinen
Sendung: 24.01.2009, 23.05 Uhr

Man sagt auch Drum Machine, Rhythmusmaschine oder Drumcomputer zu dem Gerät, das Schlagzeug-Sounds elektronisch generiert. Über die Jahrzehnte hat sich dessen Funktionalität und Ästhetik allerdings mächtig gewandelt. Die ersten analogen Rhythmusmaschinen mit fest einprogrammierten Rhythmen wie Swing, Tango oder Mambo wurden bereits 1967 von der japanischen Firma Ace Tone entwickelt und sollten bald zum unverzichtbaren Tool für orgelnde Alleinunterhalter werden. Timmy Thomas hat dieser Ära mit „Why Can’t We Live Together“ einen unvergesslichen Moment beschert. Dank verbesserter Technik in Geräten wie Korg MP-35 oder Roland CR-78 kamen Rhythmusmaschinen in den 70er Jahren nicht nur in der elektronischen Musik oder im Prog-Rock, sondern auch im Soul und sogar im Reggae zur Anwendung. Und mit Drum Machines wie TR-808 und TR-909 sollte die Firma Roland ein knappes Jahrzehnt später sogar neuen musikalischen Genres wie House und Techno den Weg ebnen. Heute scheint der ästhetische Reiz der „Beats aus der Dose“ allseits anerkannt, auch arbeitslose Schlagzeuger sind kein Thema mehr – hierzu kommen Techniker und Musiker zu Wort.

Giallo Fieber – Mord & Musik all’ italiana
Sendung: 18.07.2008, 23.05 Uhr

Schon seit geraumer Zeit erfreuen sich Giallo-Filme der 70er Jahre einer großen Beliebtheit. Dank zahlreicher DVD-Wiederveröffentlichungen erlebt die Popularität der brutalen und nervenaufreibenden Thriller, Horror- oder Polizeifilme aus Italien in den letzten Jahren eine Renaissance. Flankiert wird das dubiose Sehvergnügen durch die Veröffentlichung vieler längst verschollen geglaubter Soundtracks. Angst, Mord und unheimliche Atmosphären wurden um 1970 in Italien nicht nur von Dissonanzen und Jazz- oder Rock-Manierismen begleitet, sondern vor allem mit ätherisch-wortlosem Kantaten, Minimal Music-Imitationen am Synthesizer sowie Sound-Effekten und Spielweisen, die der Improvisation und Neuen Musik entlehnt waren. Die entscheidenden Impulse für den Giallo-Sound gab mal wieder Maestro Ennio Morricone, der in der Sendung auch ausführlich zu Wort kommt.
Selten klangen Soundtracks so aufregend experimentell und melodisch verträumt wie im italienischen Giallo. Starb es sich je schöner als zur Musik von Morricone, Bruno Nicolai, Goblin, Riz Ortolani, Piero Umiliani, Stelvio Cipriani oder Nora Orlandi?

Mit dem Plattenkoffer durch NRW – DJs versuchen sich zu erinnern
Sendung: 18.01.2008, 23.05 Uhr

Ein kleiner Rückblick auf die DJ- und Club-Kultur in Nordrhein-Westfalen. DJs erinnern sich an die Anfangstage der elektronischen Tanzmusik zwischen Köln und Ostwestfalen und reflektieren die aktuelle Situation – mit Hans Nieswandt, Tobias Koth, DJ Freshmelk und Orson.

Reggae in Deutschland – zwischen “original style” und Deutschfaktor
Sendung: 23.11.2007, 23.05 Uhr

Jamaikanische Popmusik ist heute zum deutschen Erfolgsprodukt avanciert. Seeed spielten bei den Auftaktfeierlichkeiten zur Fußball-WM 2006 vor einem Milliardenpublikum, Gentleman erzielt mit seinen Plattenverkäufen europaweit Gold- und Platinstatus und hat sein
aktuelles Album in 16 Ländern veröffentlicht, Sound Systems wie Pow Pow oder Sentinel zählen unter den internationalen DJ-Teams längst zur Speerspitze. Mit deutschsprachigem Reggae füllen Artists wie Nosliw oder Mono & Nikitaman mittlerweile Hallen bis zu 1.000 Leuten, und in der Provinz bietet die reggae-fizierte Volksmusik eines Hans Söllner eine Alternative zu Schlager und Bierzelt-Techno. Wenn sich Reggae in Deutschland in nur 25 Jahren von einer reinen Rezeptionskultur zu einer vielfältigen Produktionskultur entwickelt hat, dann ging es dabei immer um Fragen wie: „Original style“ oder Deutschfaktor? Eigener Sound oder authentisches Feeling? Imitation oder Innovation?

Version Galore – Riddim Revisited
Sendung: 13.04.2007, 23.05 Uhr

Version Galore – ein Showcase der einflussreichsten und langlebigsten Reggae- und Dancehall-Riddims der letzten 40 Jahre. Fachkundige Auskunft über das Grundprinzip jamaikanischer Popmusik geben die Redakteure des internationalen Reggae-Magazins Riddim.

Muslim & Mainstream – Hitradio in islamischen Ländern
Sendung: 05.05.2006, 23.05 Uhr

“Allah’s Hit Explosion” ist nicht nur der Titel eines indonesischen Radioprogramms, sondern in seiner offensiven Selbstironie auch ein Hinweis darauf, dass sich die Kulturen von Ost und West schon längst aufs Produktivste vermischt haben. Davon weiß auch der House-DJ und Autor Hans Nieswandt zu berichten, der in seinem neuen Buch “Disco Ramallah” von seinen Erlebnissen bei DJ-Gigs in Ankara, Kairo oder Ramallah erzählt. Eine Radio-Collage mit hybrider Popmusik aus muslimischen Ländern wie Marokko, Ägypten, Jordanien und Indonesien, angereichert mit O-Tönen und Feldaufnahmen von Reisen.

Choubi, Molam, Dangdut… – Aus den Poparchiven Iraks, Thailands, Sumatras, Burmas
Sendung: 17.02.2006, 23.05 Uhr

Vor einigen Jahrzehnten haben Plattenfirmen wie Nonesuch Explorer, Ethnic Folkways oder Ocora damit begonnen, traditionelle Musik und Folklore aus der ganzen Welt auf Schallplatten zu verbreiten. In Fortführung dieser großartigen Unternehmung widmet sich heutzutage vor allem das amerikanische Indie-Label Sublime Frequencies der historischen wie aktuellen Pop- und Folkmusik aus Asien, Afrika oder dem nahen Osten. Auf zahlreichen Compilations werden vor allem Gegenden und Stile dokumentiert, die bisher ignoriert wurden: die reichhaltige irakische Popmusik der Saddam-Ära mit ihren oft Maschinengewehr-artigen Percussion-Sounds und Stilen wie Choubi oder Socialist Folk Rock; das hyperkulturelle Gebräu aus Popmelodien, Rap-ähnlichem Sprechgesang, Wah- Wah-Gitarren, Afrobeat und hörspielartigen Mikro-Dramen des Molam Beat aus der thailändischen Region Isan; die poppige Dangdut-Musik aus Sumatra, bei der sich asiatische und orientalische Melodik mit westlichem Instrumentarium und schwarzen Grooves vermischen, oder der mit Folk-, Blues- und Country-Elementen angereicherte Psychedelic Rock aus dem Shan State im Nordosten Burmas. Ein Trip durch die hybriden Popwelten Vorderasiens und Asiens der letzten 30 Jahre.

Pol Pot und Pop – Kamboschas Cassettenarchive und Remixkultur
Sendung: 20.01.2006, 23.05 Uhr

Die späten 60er und frühen 70er Jahre waren die Hochkultur der kambodschanischen Popmusik, geprägt von einer einzigartigen Fusion westlicher Sounds und Spielweisen mit traditionellem Khmer Folk. Durch die verheerenden Verwüstungen der Roten Khmer von 1975 bis 1979 wurde diese fruchtbare Phase jäh beendet. Nicht nur, dass fast sämtliche Popmusiker ermordert wurden, auch Tonträger und Masterbänder aus der Zeit vor 1975 wurden zerstört. So bleiben außer Landes geschaffte Aufnahmen, wie sie das amerikanische Label Sublime Frequencies auf der Kompilation „Cambodian Cassette Archives“ versammelt hat, eines der wenigen Dokumente der kambodschanischen Popmoderne, in der nach 1980 auch Stile wie Reggae, Disco und Synthie-Pop Einfluss hatten. Nach dem Ende von Pol Pots Regime und der anschließenden vietnamesischen Intervention hat die kambodschanische Musikindustrie die wenig erhaltenen Aufnahmen alter Popstücke durch Remix-Verfahren am Leben gehalten: Schlagzeug, Rockgitarren oder Keyboards wurden über die Originalspuren gelegt, sodass der kambodschanischen Öffentlichkeit heute allein diese, häufig auch bei Radiosendern produzierten Fassungen zur Verfügung stehen. Mit „Radio Phnom Penh“ wird auch diese Remix-Kultur von Sublime Frequencies dokumentiert.

Calling Out Of Context – Arthur Russell
Sendung: 01.04.2005, 23.05 Uhr

Der amerikanische Komponist, Sänger, Cellist und Tonstudio-Wizzard Arthur Russell starb 1992 an Aids und war ein Grenzgänger zwischen E-Musik, Diskothek und Song-Manufaktur. In den 70er Jahren von San Francisco nach New York übergesiedelt, beeindruckte er dort Komponisten wie Philip Glass mit einer neuartigen Fusion aus Cello-Improvisation und esoterischem Gesang. Gleichzeitig trieb er sich in der jungen Disco-Szene herum, und schon bald sollte Russel, der Mitte der 70er Jahre beinahe Mitglied der Talking Heads geworden wäre, die Entwicklung von New York Disco und Garage-House entscheidend beeinflussen.
Produktionen wie „Is It All Over My Face“, “Pop Your Funk” „Schoolhouse/Treehouse“ oder “Let’s Go Swimming“ bereicherten den Dancefloor um allerlei abwegige Klang-Facetten und strukturelle Komplexitäten – Avantgarde-Disco war geboren. In den 80er Jahren bündelte er seine verschiedenen musikalischen Vorlieben auch zu distinguierten elektronischen Popsongs, die erst heute richtig zur Geltung kommen. Obwohl Arthur Russell einen hohen Stellenwert bei der Musikkritik besitzt (David Toop nennt ihn in einem Atemzug mit Größen wie Brian Eno, Lee Perry, Jimi Hendrix oder Miles Davis), ist sein Werk nur wenigen bekannt, da auf dem Tonträgermarkt über viele Jahre komplett vergriffen. Heute ist es zum größten Teil wieder erhältlich und erlaubt den Blick auf einen außerordentlichen Musiker.

Devendra Banhart & Co. – die Hippie-Punks des „anderen“ Amerika
Sendung: 11.03.2005, 23.05 Uhr

Devendra Banhart, Joanna Newsom, Coco Rosie, Tower Recordings oder Six Organs Of Admittance heißen die Shooting Stars einer neuen Folk-Community in den USA. Anders als bei der New Yorker Antifolk-Szene um Adam Green, die vor ein paar Jahren mit Sarkasmus und genialem Dilettantismus von sich reden machte, stehen hier Aufrichtigkeit und Kollektivität im Vordergrund. Laut Devendra Banhart, der 2004 gleich zwei herausragende Singer/Songwriter-Alben veröffenlichte, bedeutet Folk im Moment, „dass sich die Leute in ihre eigene Welt zurückziehen und nach eigenen Gesetzen und Regeln leben. Das ist auch ein Reflex auf das Versagen der Politik, und man kann das eine Weile durchziehen. Es geht um
Musik, die nicht für Labels oder die Presse gemacht wird, sondern füreinander.“ Von der Musikpresse als „New Weird Folk“ oder „Hippie-Punks“ etikettiert, stehen Banhart und Co. tatsächlich weniger für einen einheitlichen Sound als für eine gemeinsame Geisteshaltung. Und die ist geprägt durch einen Do-It-Yourself-Ethos, der musikalische Freiheit und Kollektivität gegen die bloße Warenförmigkeit von Musik in Stellung bringt.

Dub Me Crazy Vol. 2: Von Jamaika um die ganze Welt und vom Remix zur Kompositionsmethode
Sendung: 03.09.2004, 23.05 Uhr

Dub auf dem Siegeszug um die ganze Welt – schon Ende der 70er Jahre beeinflusste Dub als Produktionsmethode Genres wie Disco, Punk und New Wave, später auch Techno und elektronische Musik. Obwohl Dub in Jamaika seit Mitte der 80er Jahre kaum mehr eine Rolle spielt, etablierten sich weltweit eigene Szenen, die die Tradition fortführen und das stilistische Spektrum erweitern. Dub wird zum eigenen Genre und entwickelt sich vom Remix-Verfahren zum Kompositionsstil bzw. Audio-Design. In den 80er Jahren treten britische Produzenten wie Adrian Sherwood (On-U Sound) oder Mad Professor in die Fußstapfen von Lee Perry, digitaler Neo-Dub beeinflusst in den 90ern neue Stile wie Jungle oder TripHop, und dem Berliner Produzentenduo Rhythm & Sound gelingt eine einzigartige Fusion von Dub, Reggae, Techno und Elektronik. Im Reggae gilt Dub bis heute als mystische Technik, die Tiefe und Spiritualität verheißt.

Dub Me Crazy Vol. 1: Geburt des Remix und Hochkultur der Sound-Effekte
Sendung: 27.08.2004, 23.05 Uhr

Dub – die Sound-Avantgarde im Dreiminuten-Format – entstand um 1970 in Jamaika und gilt heute als eine der einflussreichsten Produktionsmethoden der Popgeschichte. Das von Produzenten und Ton-Ingenieuren wie Lee Perry und King Tubby popularisierte Verfahren, fertige Reggae-Stücke am Mischpult neu zu bearbeiten und um aufregende Sound-Effekte zu bereichern, ist die „Mutter aller Remixe“. Fanden sich instrumentale Dub-Versions zuerst nur auf den B-Seiten von Singles, wurden ab Mitte der 70er Jahre hunderte von Dub-Alben für einen wachsenden internationalen Reggae-Markt produziert. Extreme Höhen und Tiefen, lange und kurze Verzögerungen, Space Echo, Hall, Flange, Phase, Noise Gates, Echo- Feedback, Shotgun Snare Drums oder Rubber Bass heißen die analogen „Klangwerkzeuge“, mit denen Pioniere wie King Tubby, Lee Perry, Errol Thompson, Prince Jammy oder Scientist die Ästhetik von Dub definierten.

Musik als Film, Tagebuch, Landschaftsarchitektur und Wetterbericht
Sendung: 23.07.2004, 23.05 Uhr

Nach dem Philosophen Gernot Böhme lassen sich Atmosphären als „gestimmte Räume“ begreifen. Immer öfter konzentriert sich die ästhetische Arbeit von Musikproduzenten im Grenzbereich von Pop, Avantgarde und Klangkunst auf die Dokumentation und Kreation spezieller Atmosphären. Die Gruppe Fantomas spielt auf „Delirium Corda“ einen Horror- Hörfilm ein, der in der Evokation bestimmter Bilder und Szenen deshalb so gut funktioniert, weil eine standardisierte musikalische Codierung genrespezifischer Filmszenen längst im kollektiven (Unter-)Bewusstsein verankert ist. Ein Klangtagebuch diverser Weltreisen – als soundpoetische Reflexion über die Vergänglichkeit von Zeit und Mittel zum Aufspüren von Erinnerung versteht Aki Onda die auf seinen „Cassette Memories“ verarbeiteten Klang-
Atmosphären. Das Improvisationstrio Ehlers Hautzinger Suchy übersetzt derweil die Geometrie eines portugiesischen Museumparks Porto in Ambient-Sound, und Chris Watson komprimiert mit Hilfe von field recordings extreme Wettersituationen in Kenya, dem schottischen Hochland und dem Norwegischen Eismeer zu Mini-Dramen der Natur.

Sound Fiction – eine kleine Kulturgeschichte der Music From Outer Space
Sendung: 19.12.2003, 23.05 Uhr

Ähnlich wie Science-fiction hat sich auch die Popmusik in den letzten 50 Jahren immer wieder mit dem Weltall und der Raumfahrt, anderen Planeten und extraterrestrischen Lebewesen beschäftigt. Theremin, Hall- und Echo-Effekte, Gitarren-Glissandi und Moog- Synthesizer, Living Stereo, digitale Klänge und Beats – mithilfe spezieller Instrumente und Spieltechniken, Produktionsmethoden und Inszenierungen sollte eine ebenso willkommene wie gefürchtete “Space Experience” sinnlich ermöglicht werden. Mit den verschiedenen Mars-Missionen und George W. Bushs Space-Programm hat das Weltall gerade in jüngster Zeit wieder an transzendenter Strahlkraft gewonnen, die einst Science-fiction und sonische Fantasien befeuerte. Wie klingen die kosmischen Klangfiktionen des letzten Jahrhunderts – und was kam nach 2001?

Konkrete Klänge, Big Band Jazz, Fehler-Ästhetik – Matthew Herbert und die Politisierung von Sound
Sendung: 01.08.2003, 23.05 Uhr

Matthew Herbert zählt zu den avanciertesten Produzenten zeitgenössischer Elektronik. Seit Mitte der 90er Jahre veröffentlicht der Londoner Musiker unter Namen wie Herbert, Radioboy oder Doctor Rockit elektro-akustische Pop- und Dancemusik, die dem Jazz, der musique concrète und John Cages Aleatorik-Konzept wesentliche Impulse verdankt. Ob Matthew Herbert eine Sample-Ethik verfasst, ob er als Radioboy globalisierte Konsumgüter von McDonalds oder Coca Cola zerstört und deren Klänge rhythmisiert, ob er die Lektüre politischer Texte von Noam Chomsky bis Michael Moore im Jazz-Kontext musikalisiert – stets geht es um eine Politisierung von Sound, Produktion und Distribution. Wider die elektronische Einsamkeit am Laptop huldigt er zudem mit der Matthew Herbert Big Band dem Kollektiv-Gedanken großer Jazz-Orchester.